Ein Interview mit dem Berliner Anwalt und Kunstsammler Prof. Dr. Stefan Haupt

Foto von Berliner Anwalt und Kunstsammler Prof. Dr. Stefan Haupt

1 September 2026

Hi, I am Mrs Rainbow Oz

Ich lebe sowohl in Australien als auch in Deutschland – zwei Welten, die sich in mir treffen und in meine Kunstwerke fließen. Meine Motive sind golden, minimalistisch und harmonisch, inspiriert vom Kubismus.

 

Mrs Rainbow Oz

Mrs Rainbow Oz: Hallo Stefan, hier geht es ja vor allem darum, durch deine Expertise als Kunstsammler für eventuell neue Kunstsammler oder Kunstkäufer Tipps zu finden, was für sie interessant sein könnte. Wenn also jemand neu anfangen möchte, sich eine Sammlung aufzubauen, sollte man da zu einem bestimmten Thema sammeln, wie bei dir zum Thema Geld oder meinetwegen auch Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts oder eher nach bestimmten Techniken? Was ist da deine Empfehlung?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Man sollte sammeln, was man mag, was man gerne anschaut oder gern in die Hand nimmt. Man sammelt für sich und nicht für die Nachwelt. Kunst sollte ins eigene Heim integriert und nicht irgendwo eingelagert werden.
Die Frage ist immer, was der Plan für die Sammlung ist. Warum macht man das? Weil es Freude bringt oder weil man ein Kunstsammler sein will oder weil man seine Freunde und Kollegen beeindrucken möchte? Es muss irgendeinen Impuls geben, warum man sammelt. Davon sollte man sich treiben lassen. Das Sammeln ist in den meisten Fällen ein Hobby und da sollte man sich nur mit der Kunst beschäftigen, die einen bereichert und nicht „for show“.

 

Mrs Rainbow Oz: Magst du mir verraten, was dein Impuls war?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Ich wollte als Anwalt immer auf dem Gebiet des Urheberrechts, Medien- und Markenrechts arbeiten, weil mich Grundstücke, Verkehrsunfälle, Mietrecht, Arbeitsrecht, Ehescheidungen, Verwaltungsprozesse und Strafrechtsprozesse nicht interessiert haben.
Ich gehe gerne ins Kino, ins Theater, in Ausstellungen und zu Konzerten. Regelmäßig. nehme ich auch ein Buch in die Hand. In meinem Berufsleben möchte ich mich nur mit Themen beschäftigen, die mit dem Urheberrecht im Zusammenhang stehen.
Wenn ich einen Autor oder einen Verlag bei einem Buchprojekt betreut habe, halte ich am Ende das Buch in der Hand. Bei einem Musiker oder einer Plattenfirma ist es die CD. Bei Schauspielern ist die Filmpremiere das Highlight, egal ob im Theater oder im Kino. Bei den bildenden Künstlern und Galeristen sind die Ausstellungseröffnungen das wichtige Event. Dann fragte ich mich, da ich mich mit der Vertragsgestaltung im Bereich der bildenden Kunst beschäftige, ob es nicht einen Erkenntnisgewinn bringen würde, wenn ich mal Kunst kaufte. Dann wüsste ich nämlich genau, wie sich das anfühlt.
Das erste Kunstwerk habe ich 1993 in der Galerie Wohnmaschine gekauft. Das war eine Lebensmittelquittung von Torsten Goldberg vom Karstadtkaufhaus am Hermannplatz. Die ist ausgestellt worden, weil Torsten Goldberg gesagt hat, dass der Künstler zuerst essen und trinken muss, bevor er anfängt, Kunst zu machen. Das war ein guter Beginn. Weil der Kunstkauf so easy vonstatten ging, habe ich dann ein Jahr später gedacht, ich kann noch mal ein Kunstwerk kaufen.
Dann begann die Zeit, in der Fotografie immer präsenter wurde. Man sagte, die Malerei ist tot, es lebe die Fotografie. Die neue Leipziger Schule war damals noch nicht eröffnet. Jeder hat sich für Fotografie interessiert. Oft stand die Frage im Mittelpunkt, ob Fotografie richtige Kunst ist, weil sie nicht mit 7%, sondern mit dem damals gültigen Mehrwertsteuersatz von 14% besteuert wurde. Das Bestreben bestand darin, richtige Fotografie als Kunst zu kaufen, die mit 7% besteuert wurde. Das war eine große Herausforderung. Während dieser Zeit habe ich viele schöne Fotografiearbeiten entdeckt.
Dann wurde Fotografie zum Massenphänomen. Jeder hat Fotografie gesammelt. Das war der Punkt, an dem ich mit der Suche nach meinem Sammlungsthema begann. Ich kam dann auf die Idee, mal zu schauen, welche Tabuthemen es gibt. Das waren damals Geld, Sex und Tod. Für Sex war ich als Anwalt nicht mutig genug. Bei dir hängen die schönen Goldbilder an der Wand. In meinem Büro wären es dann Sexbilder gewesen. Ich fürchtete Zweifel der Mandanten in Bezug auf die Seriosität meiner anwaltlichen Tätigkeit. Für den Tod war ich damals noch zu jung, sodass dann nur das Thema Geld übriggeblieben ist.

 

Mrs Rainbow Oz: Auf deiner Internetseite steht, die Arbeiten in deiner Sammlung üben Kritik am kapitalistischen Finanzsystem oder am Kunstmarkt. Wie wichtig ist dir denn, dass da so eine kritische Auseinandersetzung stattfindet? Also der Künstler mit der Arbeit oder du mit der Kunst? Und inwiefern sind da auch manchmal Meinungen der Künstler
entscheidend, ob du dich für das Kunstwerk interessierst oder nicht?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Der entscheidende Punkt ist, dass ein neuer Aspekt zum Thema Geld beleuchtet wird. Eine Frage, die ich noch nicht gestellt oder an die ich noch nicht gedacht habe und durch die ich einen anderen Blick auf das alltägliche Leben bekomme.
Ein Werk, das diesen Ansatz sehr gut widerspiegelt, sind Sven Boecks Fotos von den Geldautomaten. Das Objekt besteht aus neun Elementen in der Größe einer Kreditkarte. Auf diese neun Elemente sind die Fotografien von Geldautomaten aufgezogen.

Sven Boecks Fotos von denGeldautomaten
„Geldautomaten in Berlin #1“ von Sven Boeck | Beitrag lesen auf sammlung-haupt.de (externer Link)

 

Wenn wir uns überlegen, dass vor 40 Jahren die ersten Geldautomaten im Stadtbild erschienen sind, dann war das ein Highlight. Man konnte zu jeder Zeit hingehen und sein Geld rausziehen. Jetzt stehen die Dinger verdreckt rum und die Anzahl der Geldautomaten nimmt Jahr für Jahr ab. Man merkt gar nicht, dass es weniger werden, weil man sie nicht mehr braucht. Man kann heute mit seinem Handy oder mit der Karte bezahlen. Damit verschwindet das Bargeld aus unserem Leben – so wie es in skandinavischen Ländern, den Niederlanden und Südkorea schon der Fall ist. Das ist ein Aspekt, den ich neu und spannend fand, weil es eine aktuelle Entwicklung ist, die sich in der Arbeit von Sven Boeck widerspiegelt.

 

Mrs Rainbow Oz: Jetzt hast du ja in deiner Sammlung inzwischen über 300 Arbeiten, wo findest du denn all die Kunstwerke für deine Sammlung?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: In den 90er Jahren war es eine große Herausforderung. Ich habe Galerien, Ateliers und Kunstmessen besucht. Ich habe immer geschaut, ob ich irgendwas zum Thema finde. Oft war ich entmutigt, weil ich nichts entdeckte. Dann kam mein Vater auf die Idee, der Sammlung den Titel „30 Silberlinge“ zu geben, und zwar aus zwei Gründen:
Erstens, weil sich daraus eine stückzahlmäßige Begrenzung auf 30 ergibt. Zu diesem Zeitpunkt besaß ich vielleicht 15 Arbeiten. Das Ziel war greifbarer. Der zweite Grund war, weil Jesus für 30 Silberlinge von Judas verraten wurde. Eine Frage spielt bei dem Thema Geld eine zentrale Rolle: Was ist der Betrag, für den wir unsere Werte verkaufen, unsere Freunde, unsere Familie, unsere Ideale sowie unsere Überzeugungen verraten? Da dachte ich: Das ist ein schöner Titel für die Sammlung und irgendwann hatte ich auch die 30 Arbeiten zusammen. Dann habe ich festgestellt, dass ich nur sogenannte Flachware und keine Videoarbeiten, keine Audioarbeiten, keine Ready-mades, keine Münzen und keine Künstlerbücher in der Sammlung hatte.
Zu der Zeit begann auch das Internet langsam zu funktionieren. Nachdem die ersten Ausstellungen von der Sammlung in den Medien besprochen worden sind und die Website online war, habe ich E-Mails und Briefe erhalten, bin angerufen worden. Heute bekomme ich Kataloge oder E-Mails mit den entsprechenden Portfolios zugeschickt.

 

Mrs Rainbow Oz: So, dass du jetzt gar nicht mehr explizit suchst, sondern dass inzwischen die Künstler auf dich zukommen?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Genau. Ich werde gefunden.

 

Mrs Rainbow Oz: Hast du einen Tipp für Künstler, wie sie Sammler auf sich aufmerksam machen können? Also eine E-Mail schreiben, ja, aber was sind da so Sachen, wo du beispielsweise sagst: Manche E-Mails lese ich lieber als andere?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Ich bin nicht der intensive Instagram Nutzer und finde, dass Ausstellungen immer noch die beste Gelegenheit sind, Kunst zu sehen. Meine Empfehlung ist, Ausstellungen zu machen, die Bilder zu zeigen, egal wo. Es gibt Steuerberater, Anwälte, Ingenieurbüros, Clubs oder Gaststätten, wo die Arbeiten gezeigt werden können. Es sollten Gelegenheiten geschaffen werden, damit die potentiellen Käufer eine Chance haben, von den Arbeiten in den Bann gezogen zu werden. Eine Ausstellung ist immer irgendwie eine Win-win-Situation, weil derjenige, der die Räume zur Verfügung stellt, etwas Aufmerksamkeit Erregendes an den Wänden präsentiert und derjenige, der die Kunst produziert hat, ein entsprechendes Feedback und die Chance auf den Verkauf erhält.
Ich glaube, das es für die Künstler wichtig ist zu sehen, wie die Arbeiten außerhalb des Ateliers wirken und wie sie von den Besuchern rezipiert werden. Es besteht auch die Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen, vielleicht andere Ausstellungsprojekte zu akquirieren, so dass es dann in kleinen Schritten Stück für Stück vorangehen kann. Also immer machen, ist meine Empfehlung, weil der persönliche Kontakt das A und O ist. Alle reden über soziale Medien, KI und Internet, aber letztendlich denke ich, dass man ein Kunstwerk sehen und mit dem Künstler reden muss, um zu wissen, ob das Werk einen anspricht.

 

Mrs Rainbow Oz: Ja, das sehe ich auch bei meinen goldenen Bildern, wo sich die Lichtspiele und das Funkeln schlecht fotografieren lassen und man es auf dem Foto nicht so gut einfangen kann. Das sieht man natürlich live viel besser als im Printmagazin oder Online. Wenn du jetzt bei inzwischen über 300 Arbeiten bist, hast du natürlich dementsprechend auch eine große Anzahl an Künstlern in deiner Sammlung. Worauf sollte denn ein Sammler bei Künstlern achten bzw. worauf achtest du?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Ich achte auf den Inhalt. Ein anderer Aspekt wäre, dass man darauf Wert legt, was der Künstler bisher für eine Karriere hingelegt, wie er sich weiter entwickelt hat und wie die Ausstellungen besprochen wurden. Mich interessiert die Botschaft, die sich in dem Kunstwerk wiederfindet. Ob der Künstler in den Top 100 ist oder nicht, ist ein zweitrangiger Aspekt. Mir geht es um das Sammeln, d. h. das Zusammentragen von verschiedensten Positionen zum Thema Geld, die neue Aspekte beleuchten. Um vielleicht ein Extrem zu benennen: Ein junger Künstler, der neue Aspekte zum Thema Geld beleuchtet, ist mir lieber, als ein etablierter Künstler, der lediglich seinen Namen auf einen Geldschein schreibt.

 

Mrs Rainbow Oz: Das liegt dann wieder an der Intention, von der du vorher schon gesprochen hast. Was willst du mit der Sammlung erreichen?
Wo du ja zum Thema Geld sammelst, habe ich eine Frage zum Thema Geld. Gibt es für dich ein bestimmtes Budget, bei dem du sagst, das gebe ich pro Kunstwerk höchstens aus oder das habe ich pro Jahr für meine Sammlung zur Verfügung und würdest du das möglicherweise jemandem empfehlen? Was ist da dein Ansatz?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Früher hatte ich ein Ankaufsbudget. Dieses wurde im Laufe der Jahre immer mehr durch das Back Office aufgefressen.
Früher stand das Budget ausschließlich für den Erwerb von Kunst zur Verfügung. Jetzt kommen Lagerkosten, Versicherungskosten, Ausgaben für die Wartung der Website und den Erwerb von Abbildungsrechten hinzu, sodass sich das Ankaufsbudget betragsmäßig erheblich verkleinert hat.
Ein Budget ist eine gute Orientierung. Man kann sich überlegen, ob man lieber drei kleine oder eine große Arbeit kauft. Man soll sich durch das Sammeln nicht ruinieren, sondern es
als Hobby sehen und dann schauen, was man tatsächlich ausgeben möchte, um sich das Leben schöner und interessanter zu machen.

 

Mrs Rainbow Oz: Wo du sagst Spaßfaktor: Viele deiner Arbeiten stellst du regelmäßig aus, wie jetzt gerade in der Berliner Effektenbank zum Thema „Von der Kunst mit Geld umzugehen“ und du besprichst sie regelmäßig in bestimmten Magazinen. Wie wichtig ist dir so eine Veröffentlichung deiner gesammelten Werke und wie viel Spaßfaktor ist dabei?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Das Gespräch, das du erwähnst, das ich in der Berliner Effektenbank mit Thomas Waterstradt geführt habe, war ein großer Spaß. Es ist jetzt in der gekürzten Fassung bei YouTube zu sehen.

Die Zusammenarbeit mit der Zeitschrift „Stiftung&Sponsoring“ aus dem Erich Schmidt Verlag hat es möglich gemacht, dass seit zehn Jahren ein Werk aus der Sammlung das Titelbild jeder Ausgabe schmückt. Gerade ist das 57. Heft mit einer Coverabbildung aus der Sammlung erschienen. Und mein Kurator Dr. Hermann Büchner hat nicht nur die 57 Texte verfasst, sondern sich auch um die Abbildungsrechte gekümmert. Das ist arbeitsaufwändig, aber allein schon aus urheberrechtlichen Gründen zwingend notwendig.

 

Mrs Rainbow Oz: Wow. Also, du hast dich ja schon für ein sehr explizites Thema entschieden, sehr nischig, in dem du dann auch noch einen super Stand hast. Wie gut bist du denn mit anderen Sammlern vernetzt und gibt es Foren oder Netzwerke, die du empfehlen kannst oder irgendwelche Bücher zum Thema Kunstsammlung?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Meine Empfehlung ist das Buch von Magnus Resch „Smart Kunst Kaufen“ (2024). Magnus Resch analysiert detailliert den Markt mit allen seinen Facetten, was man kaufen soll, wie sich der Kunstmarkt entwickelt, ob man aus Freude sammelt oder um eine Investition zu tätigen. Letztes Jahr ist von Thomas Rusche „Kunst macht reich und glücklich“ erschienen. Das Buch beleuchtet verschiedenste Aspekte und liegt bei mir auf dem Stapel zum Lesen.
Früher fand im Herbst in Berlin das Artforum statt. Das war eine Kunstmesse, die Ende der 1990er Jahre als Gegengewicht zu Köln etabliert wurde. Da gab es im Jahr zwei, drei Veranstaltungen, wo Sammler über ihre Erfahrungen berichtet haben. Dann gab es die Sammlergespräche vom Kunstmagazin in Berlin. Dazu gibt es auch ein Buch: Sammlergespräche (2013), das ich zusammen mit Jennifer Becker herausgegeben habe, in dem 30 Gespräche aus der Bar „Tausend“ in Berlin abgedruckt sind.
Zu nennen wäre auch „Auf meine Art: Vom privaten Sammeln zeitgenössischer Kunst in Berlin. Sechzehn Portraits, Skizzen und ein Tagebuch“ von Thea Herold, erschienen 2001.
Es gibt immer wieder Veranstaltungen, wo man Gleichgesinnte trifft. Mein Gefühl ist, dass es möglicherweise vor 15 Jahren noch eine überschaubarere Sammlerszene als heute gab.
Durch die zunehmende Anzahl von Sammlern ist der engere Rahmen, der damals vorhanden war, weggefallen. Die Frage ist, ab wann jemand als Sammler gilt. Ist man Sammler, wenn man jedes Jahr ein Kunstwerk kauft oder ist man Sammler, wenn man jedes Jahr zwölf kauft?

 

Mrs Rainbow Oz: Was glaubst du, warum das mit den Sammlern so zugenommen hat?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Durch die Galeristen und die entsprechenden Verbände wurde sehr gute Lobbyarbeit geleistet. Man hat gesagt: Kunst als Wertanlage nutzen. Das ist ein Zug, auf den man gerne aufspringt, weil sich das gut anhört und man tatsächlich die Chance hat, für 500 € eine Arbeit zu kaufen, die vielleicht später mal für 10.000 € gehandelt wird.
Aber das ist genauso wie Lotto spielen oder die Nadel im Heuhaufen finden. Das kommt einmal vor und jeder erzählt diese Geschichte seinen Enkeln. Das wird auch von Magnus Resch beschrieben, der einmal eine Arbeit in einer kleinen Galerie gekauft und die Künstlerin später weltweite Bekanntheit erlangt hat. Das zeigt, dass es ein guter Ansatz ist, in die C- und D-Galerien zu gehen und sich dort die Werke zu kaufen, die man bezahlen kann, ohne sich zu verschulden und an denen man sich daran täglich erfreut.
Kunst als Geldanlage ist ein weites Feld mit großen Herausforderungen. Oder man geht zu den großen Galerien und kauft dann für ein paar Millionen die teuren Werke und hat dann die Chance, dass man diese noch teurer weiterverkaufen kann. Aber die wenigsten Leute haben ein Millionenbudget zur Verfügung.

 

Mrs Rainbow Oz: Definitiv, der Ansatz zu sagen: Ich kaufe mir was, was ich schön finde, häng mir das ins Zimmer und wenn dann der Wert steigt, habe ich doppelt Glück, ist da auch aus meiner Sicht der deutlich bessere.

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Die Frage ist, warum kauft man Kunst als Wertanlage? Ist das Ziel nicht vielmehr, jeden Morgen auf ein schönes Bild zu blicken? Wenn man Geld anlegen will, soll man zur Bank gehen.

 

Mrs Rainbow Oz: Ich kenne allerdings auch jemanden, der eine große Sammlung hat, die eingelagert ist zur Wertanlage. Menschen sind verschieden, aber so wie du sagst, dann kommen die Nebenkosten wie Versicherung etc. dazu. Was empfiehlst du da? Worauf sollte man da als Neusammler oder als Sammler generell achten?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Kunst ist zu einem bestimmten Betrag in der Hausratsversicherung enthalten. Wenn es dann mehr wird, sollte man mit seinem Versicherungsvertreter reden. Bei der eingelagerten Kunstsammlung ist die Wertanlage ein ambivalenter Aspekt. Ein Freund von mir ist Schallplattensammler. Vor vielleicht 20 Jahren hatten Sammler, die eine Erstpressung von Elvis Presley besaßen, ein Vermögen in ihren Wohnzimmern stehen.
Elvis Presley interessiert heute im Vergleich dazu nur noch wenige. Das heißt, eine Sammlung, die vor 20 Jahren noch viele 10.000 € wert war, ist heute kaum noch veräußerbar, weil nur noch wenige LPs von Elvis Presley hören und kaufen. Da müsste man dann denjenigen finden, der bereit ist, viel Geld auszugeben. Wenn man eine Kunstsammlung eingelagert hat, dann stellt sich die Frage – wenn man diese in 30 Jahren verkaufen will – ob sich die nächste Generation dafür überhaupt interessiert? Wenn es sie interessiert, dann muss sie auch noch die Taschen voller Geld haben, um die Lager- und Versicherungskosten für 30 Jahre zu recoupen, plus des Betrages, der für den Erwerb ausgegeben wurde, zuzüglich der erhofften Wertsteigerung. Da frage ich mich, ob unsere Enkel und Urenkel in 30 Jahren, nicht sagen: Ach, es macht mir mehr Spaß, Gegenwartskunst zu kaufen und Neues zu entdecken, als mir den „Krempel“ zuzulegen, der seit 30 Jahren verstaubt in irgendeinem Schuppen steht.

 

Mrs Rainbow Oz: Gerade wo es ja momentan immer minimalistischer wird. Wer weiß, wo da die Reise hingeht.
Hast du einen Tipp für Interessierte, die eine Sammlung starten wollen, die ihr erstes Kunstwerk kaufen wollen, worauf sie achten sollen und wie sie am besten starten können?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Sie sollten sich darauf konzentrieren, was sie gerne ansehen und was sie interessiert. Es besteht keine Verpflichtung, irgendwas zu Ende zu führen oder zu perfektionieren. Der Spaßfaktor sollte im Vordergrund stehen. Und wenn man drei Arbeiten gekauft und festgestellt hat, dass ist doch nicht mein Ding, dann sollte man lieber machen, was einem Freude bringt. Meine Erfahrung ist, je mehr man in ein Thema eintaucht, desto größer wird das eigene Verständnis dafür. Dann findet sich der weitere Weg von selbst.
Mein Tipp ist, wenn man sich für moderne Kunst interessiert, alle Ausstellungen in der Stadt zu besuchen. Da sind es in Berlin ca. 300 Galerien. Wenn man in jeder Galerie einmal zur Ausstellungseröffnung war, hat man ein Gefühl dafür, was einem gefällt, was man will und kann sich detaillierter damit beschäftigen. Gleichzeitig lernt man Stadt und Galeristen kennen, man sieht, wie unterschiedlich die Räume sind und hat so einen großen Input.

 

Mrs Rainbow Oz: Hast du eine Lieblingsgalerie, nachdem du dir viele in Berlin angeguckt hast? Oder gibt es Galerien, wo du häufiger hingehst?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Nein, ich habe keine Lieblingsgalerie. Aber das, was ich mir sehr gerne angeguckt habe, sind perfekt inszenierte Ausstellungen, wie z. B. in der Berlinischen Galerie oder früher im me Collectors Room. Da sind die Räume und die Kunstwerke perfekt aufeinander abgestimmt.

 

Mrs Rainbow Oz: Jetzt haben wir von Galerien gesprochen. Wie wichtig sind denn beispielsweise Messen oder Kunstmärkte wie die BAAM (Berlin Affordable Art Market) oder auch die Affordable Art Fair Berlin? Inwiefern sind die interessant? Gehst du da auch hin, um neue Kontakte zu knüpfen oder neue Kunstwerke zu entdecken?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Da gehe ich immer gern aus Interesse hin und manchmal entdeckt man Neues. Wenn man sich für das Sammeln entscheidet, dann sollte man eintauchen und alles mitnehmen, was an Veranstaltungen angeboten wird. Bis vor zehn Jahren bin ich zu verschiedensten Ausstellungen und Kunstmessen gefahren. Heute reise ich nicht mehr viel, weil noch Anderes auf meiner To-Do-Liste steht. Bei sammlungsbezogenen Werken habe ich das Glück, dass mir das per E-Mail ins Haus fliegt und ich nicht mehr suchen muss.

 

Mrs Rainbow Oz: Gehst du dann auch zu anderen Sammlungen und guckst dir die an?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Ja, das mache ich sehr gern, weil es interessant ist, zu erfahren, welche Ansätze andere Sammler haben, wie sie ihre Kunst präsentieren. Es ist bereichernd, deren Meinungen zu hören und dadurch einen neuen Blick auf die Welt und die Dinge zu bekommen.

 

Mrs Rainbow Oz: Was hat dich da am meisten beeindruckt oder überrascht?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Es sind die individuellen Geschichten. Es ist 30 Jahre her, da war ich in Helsinki in der Wohnung eines Sammlers, wo sich die ganze Sammlung perfekt integriert hat. In Dubai war ich in dem großen Haus eines arabischen Sammlers. Dr. Thomas Olbricht hatte in seinem me Collectors Room alles perfekt inszeniert. Auch Dr. Stefan Schreygers Kulturpalast in der Mommsenstraße ist sehenswert. In Berlin wird einem ein sehr breites Spektrum geboten.

 

Mrs Rainbow Oz: Hast du die Arbeiten von dir auch alle in deiner Wohnung ausgestellt?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Nein, meine Wohnung ist frei von Geldkunst. Früher waren alle Bilder in der Wohnung. Als ich dann die größeren Werke im Keller lagern musste, habe ich neu strukturiert. Dann waren alle Bilder in der Kanzlei zu sehen. Als die Kanzlei zu klein wurde, musste ich ein Lager anmieten.

 

Mrs Rainbow Oz: Bei über 300 Arbeiten, nutzt du eine bestimmte Software oder wie organisierst du dieses Lager und deine Bestände?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Für die Website nutzte ich einen Dienstleister. Es ist jetzt nicht meine Empfehlung, diesen zu nutzen. Man sollte schauen, was zu einem passt. Das Nervige ist, dass durch die Softwareupdates immer neue Herausforderungen entstehen, denen man sich nicht entziehen kann. Früher habe ich die Rechnungen einfach in einem Ordner geheftet.

 

Mrs Rainbow Oz: Als letzte Frage: Du arbeitest mit einem Kurator zusammen. Gibt es da für dich einen besonderen Grund? Und wie sieht so eine Zusammenarbeit aus?

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: Zu aller erst ist zu erwähnen, dass mein Kurator Dr. Hermann Büchner zusammen mit Dr. Tina Sauerländer, die zwei intensive Jahre für die Sammlung im Rampenlicht stand, den Sammlungskatalog herausgegeben hat.

Sammlung Haupt »Dreißig Silberlinge – Kunst und Geld«
Katalog zum Bestand der Sammlung Haupt, herausgegeben von Hermann Büchner und Tina Sauerländer

Zudem ist der Kurator Gesprächspartner. Ich habe die 30 Silberlinge irgendwie zusammengetragen und hatte das Glück, dass es Arbeiten waren, die mir bis heute gefallen. Aber nach zehn Jahren bin ich unsicher geworden, weil ich dachte, ich muss jetzt genau darauf achten, dass die Sammlung inhaltlich ergänzt und immer ein neuer Aspekt beleuchtet wird. In diesem Zusammenhang sind die Gespräche mit dem Kurator sehr hilfreich. Es gibt Werke, die ich gut finde und die der Kurator für überflüssig hält. Dann gibt es Werke, die er wichtig findet und wo ich meine Zweifel habe. Nach einem Gespräch weiß ich, ob die Arbeit eine Ergänzung für die Sammlung darstellt. Die letzte Entscheidung liegt bei mir.

 

Mrs Rainbow Oz: Vielen lieben Dank, dass du dir die Zeit genommen und uns die Einblicke in dein Sammlerleben gegeben hast.

 

Prof. Dr. Stefan Haupt: ich danke dir.

 

9693/20 D1 D 31 – 26, Stand: 18.01.2026

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